“Es geht buchstäblich nur darum, es nicht zu vermasseln”
John Powell, Komponist
Wenige Filme – geschweige denn Animationsfilme – haben die Herzen der Zuschauer so berührt und dabei Kritiker und Kinogänger gleichermassen überzeugt wie «How To Train Your Dragon» (2010).
Der Animationsfilm des Studios DreamWorks Animation über einen jungen Wikinger, der eine ungewöhnliche Freundschaft mit einem Drachen schliesst und sich dabei gegen alle Überzeugungen seines Volkes stellt, war ein sofortiger Klassiker – weil er neben prächtigen Bildern und vielen witzigen Einfällen auch eine Geschichte erzählte, die grosse Themen wie Vertrauen, Respekt, Rachegefühle, Enttäuschung, Liebe und Verlust aufnahm.
«How to Train Your Dragon» macht Spass, begeistert mit mitreissender Flugakrobatik und berührt das Herz zugleich mit universellen menschlichen Gefühlen und mutigen Story-Wendungen. Ein grosser Anteil am Erfolg hatte auch John Powells atemberaubende, von keltischer Musik inspirierte Filmmusik.
Der Film basierte auf der gleichnamigen Kinderbuchreihe der britischen Autorin Cressida Cowell, nahm sich dabei allerdings einige Freiheiten. So ist der Drache Toothless (auf Deutsch “Ohnezahn”), mit dem sich der junge Wikinger Hiccup anfreundet, in der Vorlage ein winziger, grüner und eher quengelig-gemeiner Drache. Für den Film wurde er zum furchteinflössenden, aber eleganten und katzenartigen “Nachtschatten”-Drachen umgestaltet. Das tat dem Erfolg des Films aber keinen Abbruch – allenfalls im Gegenteil, zumal Toothless inzwischen eine internationale Fan-Gemeinde hat, der Millionen angehören.




Der Plan einer umfassenden Trilogie
Nach dem Erfolg von «How To Train Your Dragon» wurde Dean DeBlois, der zusammen mit Chris Sanders die Regie führte, von DreamWorks angefragt, eine Fortsetzung zu liefern. Eine solche war ursprünglich nicht vorgesehen, doch DeBlois konzipierte nun eine Fortsetzung der Geschichte um Hiccup und den Drachen Toothless, die sich mit einer klaren Drei-Akte-Struktur zu einer eigentlichen Trilogie entwickeln sollte. Sein Wunsch war es, die Charakterentwicklung von Hiccup konsequent weiterzuführen.
DeBlois meinte dazu: „Es ist eine Geschichte, die Hiccup bis zur Erfüllung seines Charakterwachstums und seines Handlungsbogens führt.“ Doch damit entstand auch die Herausforderung, eine Fortsetzung zu schaffen, die den hohen Erwartungen gerecht wird und die die Fans nicht enttäuscht. DeBlois: „Ich weiss, dass die Leute darauf gewartet haben, dass eine Fortsetzung mal nicht enttäuscht.“
Seine Ideen für den zweiten Teil wurden von DreamWorks nach diversen Story-Überarbeitungen gutgeheissen und der zweite Film konnte in Produktion gehen (der dritte Teil, der von DeBlois nun auch angedacht war, war zu jenem Zeitpunkt von DreamWorks indes noch nicht bewilligt). Der zweite Film, der vier Jahr nach dem erfolgreichen ersten Teil in die Kinos kam, sollte ein würdiger Nachfolger werden.
Unser Konzerttipp

«How To Train Your Dragon 2» – in Concert
City Light Symphony Orchestra
London Voices
Kevin Griffiths · Leitung
Freitag, 6. November 2026 | 19:30 Uhr
Samstag, 7. November 2026 | 19:30 Uhr
Sonntag, 8. November 2026 | 11:00 Uhr
KKL Luzern · Konzertsaal
Die Musik als Baustein des Erfolgs
Ein wichtiger Bestandteil des Erfolgs des ersten Films war die Musik von Komponist John Powell. Powell war im Bereich des Animationsfilms kein Fremder. Erfolgsfilme dieses Genres wie «Shrek» (2001, zusammen mit Komponist Harry Gregson-Williams), «Kung Fu Panda» (2008, mit Hans Zimmer) oder zwei «Ice Age»-Filme (2006 und 2009) durften u.a. bereits Powells musikalische Untermalung geniessen.
Dabei griff er auch immer wieder auf kreative Techniken zurück. Legendär ist seine Musik für den Film «Chicken Run» (2000, mit Harry Gregson-Williams), in welchem der Chor Kazoos nutzt (ein kleines Musikinstrument, mit Membran, mit einem charakteristischen, schnarrenden und „quakenden“ Klang, in das man hineinsingen muss).
Powell: „In Animationsfilmen steckt eine riesige Detailarbeit. Die Filmemacher sind regelrecht besessen von Details und fordern solche auch von mir als Komponist. Das reizt mich. Hinzu kommt, dass Musik für Animationsfilme meist mehr Fröhlichkeit mit sich bringt. Deshalb vertone ich immer wieder gerne Animationsfilme.“ (siehe auch: John Powell – Ein Komponist mit vielen Facetten)

Mit Orchester, Chor und keltischen Instrumenten
Für die Musik von «How To Train Your Dragon» schöpfte Powell aus den Vollen und nutzte neben Orchester und Chor in Vollbesetzung auch keltische Instrumente wie traditionelle Dudelsäcke und deren «lauten Verwandten», die so genannten «Warpipes», oder die Fidel (die charakteristische Solo-Geige, die man auch aus der irischen Volksmusik kennt). Powell: „Ich bin teilweise schottisch und wuchs mit viel schottischer Volksmusik auf. Dieser Stil und die keltische Musik haben mich inspiriert.“ (siehe auch: „Wie John Powell Drachen zähmt – Die Musik von «How to Train Your Dragon»“)
Powell hob mit seiner themenreichen und eindringlichen Musik «How to Train Your Dragon» auf ein höheres Level, gewann dafür viele Preise (unter anderem den Annie Award für Beste Musik in einem animierten Film) und ergatterte seine erste Oscar-Nomination. Ganz nebenbei eroberte er auch die Herzen vieler Musik- und Filmmusikfans.
“Das Schwierigste an einem Film wie diesem ist, dass er so beliebt ist.”
John Powell, Komponist
Eine bewusste Weiterentwicklung
«How To Train Your Dragon 2» (2014) sollte eine bewusste Weiterentwicklung sowohl der Erzählweise als auch der musikalischen Struktur der Filmreihe werden. Die Zusammenarbeit zwischen Regisseur Dean DeBlois und John Powell verlagerte sich von der Schaffung einer Welt hin zur Auseinandersetzung mit komplexen Themen wie Identität, Verantwortung, Verlust und Wiedervereinigung sowie der ganzen Emotionspalette entlang des Erwachsenwerdens.
Das stellte John Powell vor neue Herausforderungen. Er meinte dazu: „Das Schwierigste an einem Film wie diesem ist, dass er so beliebt ist. Es geht buchstäblich nur darum, ihn nicht zu vermasseln.“ (Ein Gedanke, der ihm noch schlaflose Nächte bereiten soll.)
Freie Fahrt ohne Temp-Score
Einen ersten Wunsch, um dies zu erreichen, hatte Powell bereits. Er überzeugte Dean DeBlois davon, für den Schnitt des Films keine Musik aus dem ersten Film als sogenannter “Temp-Score” zu nutzen (eine temporäre Musik, die die Filmemacher während der Schneidarbeit nutzen, um ein Gefühl für den Film zu bekommen).
Da sich Regisseure und Studios oft an Temp-Scores gewöhnen und anschliessend Musik verlangen, die wie der Temp-Score klingt, wird die Kreativität des Komponisten oftmals massiv eingeschränkt. Ohne diesen Druck hatte Powell freie Fahrt und konnte völlig neues Material entwickeln, das besser auf die veränderte Tonalität des zweiten Teils zugeschnitten war.


Mehr Orchester, mehr Chor, mehr alles
Powell begann bereits ein Jahr vor der Veröffentlichung des Films mit dem Schreiben der Musik. Er setzte dabei auf die bewährte Instrumentierung des ersten Teils: Orchester, Chor und keltische Einflüsse wie Dudelsäcke kehren zurück. Orchester und Chor sind dabei noch grösser als im ersten Teil, was gewisse Rezensenten der Musik sogar dazu verleitete, die Musik mit einer Wagner-Oper zu vergleichen. Powell meinte dazu: „Wir haben einen grossen Chor, ein grosses Orchester. Die Figuren sind seit dem letzten Film erwachsen geworden, daher ist vieles anders. Es ist eine Geschichte über das Erwachsenwerden.“
Powell wollte dem Chor mehr „Biss“ und Menschlichkeit verleihen. Deshalb liess er ihn Fragmente von gälischen Gedichten aus dem 17. Jahrhundert singen, um die schottischen Wurzeln der Wikinger-Charaktere musikalisch zu vertiefen (z. B. in der Szene, in der Hiccup und seine Mutter fliegen).
Durch die erneute Zusammenarbeit mit dem Sänger Jónsi (von der Band Sigur Rós) kamen auch neue perkussive Elemente hinzu.
Alte bekannte und viele neue Themen
Die ersten Minuten des Films nutzt Powell für eine Art musikalische Rückkehr, in welcher er die Themen des ersten Teils in rasanter Abfolge vorträgt. Damit holt er die Zuschauer in die Welt von Hiccup und Toothless zurück und hüllt sie in eine warme Decke der Wiedererkennung (ein «Wiedersehen» quasi).
Doch sobald die Figuren Berk (ihr Heimatdorf) verlassen, lässt Powell die alten Themen zurück und bindet neue ein, die alle einer bestimmten narrativen Funktion dienen. Da gibt es das “Map the World” -Thema, welches für die Identitätsfindung und Selbstentdeckung steht oder das “Valka”-Thema (Hiccups Mutter), das Valkas Isolation und ihre Verbindung zu den Drachen begleitet. Und natürlich gibt es auch ein mysteriöses, Bond-Bösewicht-ähnliches Thema für Drago, den Antagonisten des Films.
Das wichtigste und sogleich einflussreichste Thema allerdings, ist das “Lost and Found”-Thema, welches für den Verlust von Unschuld und die Findung von Reife steht. Diese bittersüsse Melodie behandelt das eigentliche Grundthema des ganzen Films, was Regisseur Dean DeBlois überraschte: „So hatte ich den Film noch nie betrachtet … Er [Powell] wollte eine Art alternative Perspektive einbringen, und mir hat die zusätzliche Tiefe, die dadurch entstanden ist, wirklich sehr gut gefallen.“




Ein arbeitswütiger Abschluss
Die finalen drei Monate der Produktion von «How To Train Your Dragon 2» waren nicht einfach. John Powell beschrieb sie als „Chaos und Durcheinander“. Der Workload sei extrem hoch gewesen und Powell meint, dass er in dieser Zeit besonders hart zu sich selbst war. Mit der Sorge, den geliebten ersten Teil durch eine schwächere Fortsetzung zu ruinieren, setzte er sich selbst unter extremen Druck.
Ausserdem waren sich die Filmemacher aufgrund des fehlenden Temp-Scores lange nicht sicher, ob der Film musikalisch funktionieren würde (weshalb sie eine zweite Arbeitsversion des Films mit Temp-Musik produzierten, die sie Powell indes vorenthielten, jedoch für die Kommunikation mit den Studiobossen verwendeten). Erst als Powell in der Schlussphase all seine Musik lieferte, trat bei den Verantwortlichen Erleichterung ein. Das Ergebnis vermochte auch den 2. Teil von «How to Train Your Dragon» mit seinen teils komplexen Handlungssträngen zu überhöhen.
“Seine Musik unterstützt nicht nur das Storytelling, sie vertieft es.”
Dean DeBlois, Regisseur von «How To Train Your Dragon 2»
Ein grosser Erfolg…mit Folgen
«How To Train Your Dragon 2» und seine Musik wurden ein weiterer grosser Erfolg und zogen nicht nur einen dritten Teil nach sich, sondern einige Jahre später sogar eine Real-Verfilmung des ersten Teils. Diese liess die animierte Version in Sachen Einspielergebnis sogar noch hinter sich.
John Powells Musik ist bis heute ein wichtiger Bestandteil der Filmreihe und wird regelmässig unter tosendem Applaus in Konzerthallen live zum Film aufgeführt – auch im KKL Luzern vom City Light Symphony Orchestra seit dessen Gründung im Jahr 2018, wobei es in Anwesenheit von John Powell selbst die Live-Weltpremiere von «How to Train Your Dragon» feiern durfte.
Dean DeBlois war von der Musik von Powell zu Teil 2 begeistert und gab ihr das grösste Kompliment, das man einer Filmmusik überhaupt geben kann: „John fand seinen eigenen Weg durch die Geschichte, der sich fast wie eine Harmonie zu den Hauptthemen ausgibt, die wir im Film an der Oberfläche mit Dialogen und Bildern behandelten. Seine Musik unterstützt nicht nur das Storytelling, sie vertieft es.“
Text: Stefan Minder
Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren
John Powell – Ein Komponist mit vielen Facetten
Hollywood-Komponist John Powell formte mit «The Bourne Identity» einen neuen Agenten-Sound und mit seiner Musik zu «How To Train Your Dragon» zeigte er mit sinfonischer Kraft, wie vielseitig und mitreissend moderne Filmmusik sein kann. Ein Portrait über den Filmmusik-König des Animationsfilms.
>> Beitrag jetzt lesen
Wie John Powell Drachen zähmt – Die Musik von «How to Train Your Dragon»
John Powell liebt es, Filmmusik für Animationsfilme zu komponieren. „Sie bringen Fröhlichkeit“, so Powell. 2011 erhielt er seine erste Oscar-nomination für «How to Train Your Dragon». Lesen Sie, wie diese Filmmusik entstanden ist, und welche Werke Powell inspirierte haben.
>> Beitrag jetzt lesen