Hätten Sie sich vorstellen können, dass zwei der tragenden musikalischen Ideen der Filmmusik zum Agenten-Thriller «The Bourne Identity» auf Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“ und Franz Schuberts 8. Sinfonie, „Die Unvollendete“, zurückgehen?
Erstere inspirierte Komponist John Powell, wie er in einem Interview sagte, zum prominenten Einsatz der Oboe – sie unterstreicht das Mysteriöse, Trauernde und Tragische dieser Figur.
Auf zweitere geht die Idee mit den schnellen, treibenden Streicher-Ostinati zurück. Im Ergebnis entstand für «The Bourne Identity» eine Filmmusik, die mit ihrem Minimalismus dem damals gängigen, lauten, grossorchestralen Action-Sound und der selbstbewussten «James Bond»-Agentenmusik diametral gegenüberstand. Dies hätte scheitern können, zog indes viele Nachahmer nach sich und entpuppte sich zu einem Wendepunkt in John Powells illustren Karriere, wobei er die «Bourne»-Filmreihe noch während drei weiteren Fortsetzungen musikalisch definierte. Powell: „Dieser Film gab mir damals die ersehnte Möglichkeit, anders zu komponieren als zuvor.“
„Dieser Film gab mir die Möglichkeit, anders zu komponieren als zuvor.“
John Powell über «The Bourne Identity»

Ein Musikschaffen mit vielen Facetten
Doch das Musikschaffen von John Powell bietet noch viele andere Facetten – hier treffen grosse Sinfonik für «Ferdinand» auf spanisches Flair und Walzerklänge, für «How to Train Your Dragon» und «The Call of the Wild» auf schottische und keltische Einwürfe. Zudem komponiert er auch Musik für den Konzertsaal – bekannt sind seine kraftvollen Werke „A Prussian Requiem“ und „Requiem Addendum“ für Chor und Orchester, sowie seine Oper „An Englishman, an Irishman and a Frenchman“.
Powell äusserste sich in einem Interview 2017 mal wie folgt: „Einer meiner Lieblingsfilme ist «The Great Escape» mit der Musik von Elmer Bernstein. Der amerikanische Stil des frühen 20. Jahrhunderts wie jener von Aaron Copland gefällt mir. Er ist klassisch anspruchsvoll, hat aber eine Menge Kraft.
Beeinflusst von «Tom and Jerry»
Ich habe als Kind auch viele Zeichentrickfilme gesehen. Ich bin mit «Tom and Jerry»-Kurzfilmen und deren Musik, die zugunsten des Komödien-Charakters blitzschnell von atonaler zu lateinamerikanischer zu Rumba- zu kubanischer Musik wechselte, aufgewachsen. Zudem war ich besonders während meinen Studienjahren stark an klassischer Musik interessiert. Wenn man das alles in einen grossen Topf wirft, es kocht und umrührt, dann sind das wahrscheinlich die Ingredienzen, die meinen Kompositionsstil ausmachen.“

„Der amerikanische Stil des frühen 20. Jahrhunderts wie jener von Aaron Copland gefällt mir.“
John Powell, Komponist
Konzerttipp

«How to Train Your Dragon 2» – in Concert
City Light Symphony Orchestra
London Voices
Kevin Griffiths · Leitung
Freitag, 6. November 2026 | 19:30 Uhr
Samstag, 7. November 2026 | 19:30 Uhr
Sonntag, 8. November 2026 | 11:00 Uhr
KKL Luzern · Konzertsaal

Von der Werbebranche…
John Powell hat über die Jahre dennoch einen eigenen orchestralen Stil entwickelt – sehr melodie- und harmoniebetont, mit geschicktem Einsatz von Rhythmen, Perkussion und Synthi-Texturen sowie einer farbenprächtigen, dichten Orchestrierung. Dabei sah sich Powell nach seinem College-Abschluss 1986 gar nicht für den Film berufen: „Damals studierte ich Komposition, und ich interessierte mich für viele verschiedene Arten von Musik, aber nicht unbedingt für Filmmusik. Ich habe für die Werbebranche komponiert, weil ich damit meine Rechnungen bezahlen konnte. Dann hatte ich Musik für Kunstinstallationen, Theater und andere Dinge komponiert. Die Filmmusik stand nicht im Fokus. Ich war viel mehr an eigenständiger Komposition und Plattenproduktion interessiert.“
…in die Arme von Hans Zimmer
Im Jahr 1996 zog Powell nach Los Angeles. „Ich sage immer, ich bin ein Wirtschaftsmigrant. In Grossbritannien gab es einfach zu wenig Arbeit. Zudem wollte ich mich über Werbe-Jingles hinaus weiterentwickeln“, erinnert er sich. „Also kam ich 1996 nach Venice Beach und beschloss, mir ein Jahr Zeit zu geben und zu sehen, was passiert. Innerhalb einer Woche bekam ich einen Anruf von Hans Zimmer.“
Zimmer wurde auf Powell aufmerksam, weil dieser damals eine grosse Sammlung an Samplern besass und viel Erfahrung mit dem Aufbereiten von Sound-Libraries und Demos hatte. Powell: „Ich war immer ein Komponist, doch mein Weg nach Hollywood startete eigentlich nur aufgrund meines damals grossen Arsenals an technischem Equipment, für das ich all mein Erspartes ausgab.“ Er begann, mit Zimmer zusammenzuarbeiten und bereits 1997 gab John Powell sein Solo-Debüt als Filmkomponist für den Action-Kracher «Face / Off».

„Innerhalb einer Woche bekam ich einen Anruf von Hans Zimmer.“
John Powell über seine Anfänge in Los Angeles
Neue Wege
Doch um die Jahrtausendwende herum wollte John Powell neue, eigene Wege als Komponist gehen. Er verabschiedete sich von Hans Zimmer und dessen Studiokollegen und startete mit Kompositionen für Animationsfilme wie «Chicken Run» und «Shrek» (beide co-komponiert mit Harry-Gregson Williams), Komödien wie «Rat Race», der Romcom «Two Weeks’ Notice» und dem vorgenannten Thriller «The Bourne Identity» seine „Solo“-Karriere als Filmkomponist. Powell: „Ich liebte den Soundtrack zu «The Great Escape» von Elmer Bernstein, weshalb mich das Engagement für «Chicken Run» sehr freute, denn es war eine Hommage an diesen Film.“
Der König der Animationsfilme
Als John Powell seine Arbeit an «How to Train Your Dragon» begann, hatte er bereits viel Erfahrung im Vertonen von Animationsfilmen. Powell: „In Animationsfilmen steckt eine riesige Detailarbeit. Die Filmemacher sind regelrecht versessen auf Details und fordern dies auch von mir als Komponist. Das reizt mich. Hinzu kommt, dass Musik für Animationsfilme mehr Fröhlichkeit erfordert. Deshalb vertone ich immer wieder gerne Animationsfilme.“ Bis dato arbeitete er an mehr als 20 Animationsfilmen.
“Musik für Animationsfilme erfordert mehr Fröhlichkeit”
John Powell über Animationsfilme
Auch in Bezug auf «How to Train Your Dragon» hatten die Produzenten bereits detaillierte Vorstellungen von der Musik: die nordischen musikalischen Wurzeln sollten Berücksichtigung finden. Und hier kam Powell sein Wissen über klassische Musik erneut zur Hilfe: „Carl Nielsen, der dänische Symphoniker. Sibelius. Edvard Grieg zu einem gewissen Grad. Sibelius war der Schlüssel. Bereits im Kindesalter habe ich viel Sibelius studiert und ich habe seine Musik immer geliebt. Ich habe zu einem Teil auch schottische Wurzeln und wuchs mit viel schottischer Volksmusik auf. Alle diese Komponisten haben meine Arbeit an den «How to Train Your Dragon»-Filmen beeinflusst.“

Zusammenarbeit mit einer Legende
Und dann sieht sich Powell von noch jemandem beeinflusst: Hollywood-Legende John Williams, mit dem John Powell 2018 an «Solo: A Star Wars Story» zusammenarbeiten konnte. Powell: „Er ist ärgerlich menschlich und bescheiden (lacht). Er war sehr freundlich. Er liess die Arbeit mühelos aussehen. Seine kompositorischen Fähigkeiten… sie haben ein Niveau, das es einfach nicht mehr gibt. Ich müsste auf Komponisten aus dem 19. Jahrhundert verweisen, um dasselbe Niveau zu finden. Ich bin mit der Liebe zu Brahms und Sibelius und Tschaikowsky aufgewachsen. Seine kompositorischen Fähigkeiten sind diesen näher als jeder andere Komponist, den ich bisher getroffen habe. Die Arbeit mit ihm war persönlich und beruflich geradezu demütigend, aber mit etwas Glück bringt sie mich dazu, ein besserer Komponist zu werden.”
„Er ist ärgerlich menschlich und bescheiden.”
John Powell über John Williams