Seine unverwechselbare Herangehensweise an die Filmmusik hat Thomas Newman in seiner Karriere vor allem mit Dramen und Animationsfilmen wie «American Beauty» (1999), «The Shawshank Redemption» (1994) und «Finding Nemo» (2003) aufgezeigt. Er selbst bezeichnete die Aufgabe, für einen Action-Blockbuster Musik zu schreiben, als „einschüchternd“. Mit seiner Musik zum James-Bond-Film «Skyfall» (2012) hat er bewiesen, dass er nicht nur Actionmusik schreiben, sondern mit seiner musikalischen Einzigartigkeit auch dem ältesten Actionhelden der Filmwelt emotionale Tiefe verleihen kann. Entsprechend hoch waren die Erwartungen für den Nachfolger «Spectre» (2015).
Das Erbe von «Skyfall»
«Skyfall» wurde von Regisseur Sam Mendes inszeniert, der bereits früher mit Thomas Newman zusammengearbeitet hatte. Der Film war ein kritischer und finanzieller Erfolg und wurde zum erfolgreichsten Bond-Film aller Zeiten (über 1.1 Milliarden Dollar Einspielergebnis weltweit), was er auch heute noch ist. Die Frage nach einem weiteren Teil im James-Bond-Film-Franchise war somit schnell beantwortet.
Nach «Skyfall» hatte Sam Mendes eigentlich erklärt, dass er keinen weiteren Bond-Film mehr drehen wolle. Tatsächlich änderte er seine Meinung und kehrte für «Spectre» auf den Regiestuhl zurück.
Ein entscheidender Grund für seine Rückkehr zum Franchise war Daniel Craig, der schon in den letzten beiden Filmen «Casino Royale» (2006) und «Skyfall» James Bond gespielt hatte. Mendes erklärte, dass Craigs Darstellung des James Bond ihn überhaupt erst wieder als Zuschauer für die Filmreihe gewonnen und in ihm den Wunsch geweckt habe, selbst einen Bond-Film zu drehen. Ausserdem wollte er die in «Skyfall» begonnene Geschichte weiterentwickeln. Er wollte einen Film machen, der sich von seinem Vorgänger abhebt.

Thomas Newman wird zurückkehren
Für Mendes war klar, dass sein langjähriger Wegbegleiter Thomas Newman auch in diesem Film die Musik komponieren wird. Newman und Mendes verbindet eine kreative Beziehung, die bereits 1999 mit dem Film «American Beauty» begann. Newman vertonte seither fast alle Filme von Mendes, darunter «Road to Perdition» (2002) und «Revolutionary Road» (2008).
Newmans Musik zu «Skyfall» war, wie der Film auch, ein kommerzieller sowie kritischer Erfolg und brachte ihm den Gewinn eines Grammys, eines BAFTA Awards und seine elfte Oscar-Nomination ein. Es war also niemand überrascht, dass Newman für ein weiteres Mendes-Projekt (und einen weiteren Bond-Film) zurückkehrte.
Die Philosophie der Unaufdringlichkeit
Newman ist ein Verfechter der Philosophie der Unaufdringlichkeit. Im Gegensatz zu seinem berühmten Vater (Filmkomponist Alfred Newman) vertritt er die Ansicht, dass Filmmusik „unaufdringlich“ und „immersiv“ sein sollte. Seiner Meinung nach soll ein Score (die Filmmusik) das Filmerlebnis nur unterstützen und unterstreichen. Wenn das Publikum die Musik zu deutlich wahrnimmt, ist sie für ihn zu hart und aufdringlich. Nach diesem Prinzip vertonte er auch «Spectre», wobei Newman der knallharten Agenten-Action geschuldet natürlich auch zahlreiche krachende Action-Stücke komponierte (u.a. Los Muertos Vivos Están, Helicopter Fight, Backfire, Snow Plane und Tempus Fugit).
Unser Konzerttipp

«Spectre» – in Concert
City Light Symphony Orchestra
Freitag, 30. Oktober 2026 | 19:30 Uhr
KKL Luzern · Konzertsaal
Musikalische Kontinuität vs. Repetition
Newman legte bei «Spectre» grossen Wert auf die musikalische Kontinuität. So verwendete er Motive und Themen aus «Skyfall» wieder, um einen erkennbaren musikalischen Faden zwischen den zwei Filmen und der Craig/Bond-Geschichte zu spannen. Dazu gehören Themen für die Charaktere M, Moneypenny und Q sowie sein „Frauenthema“.
Für seine Wiederverwendung von musikalischem Material heimste Newman auch Kritik ein. Viele Musiker, Fans und Kritiker beanstandeten, dass bestimmte Stücke der Filmmusik wie Backfire oder Westminster Bridge fast eins zu eins aus «Skyfall» übernommen wurden. Tatsächlich wirken die Stücke im Kontext des Films äusserst überzeugend und unterstreichen Newmans Ansatz, ein grosses Ganzes aus seinen zwei Bond-Soundtracks zu formen.

Neue Themen und ein altbekannter Stil
Newman schrieb aber auch neue Themen, wie das sinistre und bedrohliche Spectre/Oberhauser-Thema. Geprägt von Moll-Akkorden und arabischen Gesängen im Hintergrund, verleiht dieses dem Bösewicht und der zwielichtigen Organisation Spectre eine geheimnisvolle Atmosphäre.
Ein weiteres neues Thema komponierte er für die Figur Madeleine Swann, in welche Bond sich im Film verliebt. Newman schuf für sie ein „gläsernes“ und zartes Thema, das wunderbar das Geheimnis der Figur reflektiert.
Der typische Thomas Newman Stil entfaltet sich in der experimentellen Instrumentierung, die Newman auch in diesem Film einbrachte. Er wollte damit der Vielfalt der exotischen Schauplätze gerecht werden. Für die Eröffnungssequenz am „Dias de los muertos“ in Mexiko City arbeitete er mit der Perkussionsgruppe Tambuco zusammen, um authentische mexikanische Rhythmen zu integrieren. Ausserdem wollte er an die frühen Tage von Monty Norman erinnern, der das weltbekannte James-Bond-Thema schrieb, weshalb er eine Altflöte einsetzte, die einen tiefen und jazzigen Klang erzeugt. Zudem nutzte er für ihn typische Instrumente, wie Zithern und Hackbretter.
Für das Bond-Franchise überraschend und ungewöhnlich, komponiert er für einige wenige Szenen auch für Chor. Dieser verleiht dem Film eine epische Dimension und den Action-Szenen wie The Eternal City dramatische Tiefenwirkung (für die in-Concert-Aufführung werden die Chorgesänge indes mit Synthesizer eingespielt, da es sich um wenige Minuten handelt).
Andeutungen des Bond-Themas
Das berühmte James-Bond-Thema wird von Newman lediglich in verschiedenen Szenen mit Phrasen oder unterliegenden Harmonien angedeutet, aber – mit Ausnahme der Schlussszene – nie in seiner vollen Pracht aufgeführt. Eine Technik, die der Komponist David Arnold bereits in seiner Musik für den James-Bond-Film «Casino Royale» genutzt hat, um die Entwicklung des Charakters hin zur weltberühmten Kinoikone am Ende des Films zu unterstreichen. (siehe auch: „Bond muss sich sein Titelthema verdienen“)

Ein schwermütiger Titelsong
Ein Bond-Film wäre kein Bond-Film ohne einen Titelsong. Mit Ausnahme von «On Her Majesty’s Secret Service» (1969), für welchen der Komponist John Barry ein instrumentales Titelstück komponiert hatte, begannen alle vorangehenden Bond-Filme mit einem Titelsong. So sollte auch «Spectre» einen bekommen. Die ursprüngliche Wahl für den Interpreten des Titelsongs von «Spectre» fiel auf die Band Radiohead. Diese war so begeistert, dass sie sogar die Produktion ihres eigenen anstehenden Albums unterbrach, um am Song zu arbeiten.
Der von Radiohead eingereichte Song mit dem gleichnamigen Titel Spectre passte zwar stilistisch zu James Bond, wurde von den Filmemachern aber mit der Begründung abgelehnt, er sei zu schwermütig und düster. Schliesslich wendete man sich an den Sänger Sam Smith. Smith schrieb den Song Writings on the Wall gemeinsam mit Jimmy Napes angeblich in rekordverdächtigen 20 Minuten. Er wollte mit dem Lied eine gewisse Verletzlichkeit und Ehrlichkeit in die Figur des James Bond bringen.
Wie bei vielen James-Bond-Filmen wurde der Song unabhängig von der Filmmusik aufgenommen. Thomas Newman hatte somit keine Möglichkeit, die Melodien des Songs in seine Filmmusik einfliessen zu lassen. Er integrierte später lediglich eine Instrumentalversion des Songs.
Äusserst harte, aber starke Arbeit
Thomas Newman beschrieb die Arbeit an «Spectre» als äusserst hart. Er arbeitete etwa dreieinhalb Monate lang durchgehend, sieben Tage die Woche von morgens bis abends, an dem rund 112-minütigen Score – für «Skyfall» komponierte er 100 Minuten Musik, wobei er zwei Wochen länger Zeit hatte. Im Falle von «Spectre» nahm die Postproduktion mehr Zeit in Anspruch, weshalb für die Filmkompositionsarbeit letztlich zwei Wochen weniger Zeit zur Verfügung standen.
Da er vor seinem ersten Bond-Film kaum Erfahrung mit Actionfilmen hatte, empfand er die Aufgabe, die richtige Balance zwischen Spannung und Action zu finden, als eine grosse Herausforderung. Trotzdem fühlte er sich bei «Spectre» bereits viel selbstbewusster in seiner Herangehensweise und empfand das Ergebnis gemäss eigener Aussage als „stark“.
Die Filmmusik zu «Spectre» ist ein hochgradig polares Werk, das die Balance zwischen Newmans eigenem Stil und den monumentalen Erwartungen des Bond-Franchise grandios meistert. Gemeinsam mit Sam Smiths erfolgreichem, aber untypisch verletzlichem Titelsong markiert der Soundtrack einen bewussten Schritt weg vom traditionellen Bombast hin zu einer modernen, atmosphärischen Untermalung, die laut Newman insbesondere auch die Vision des Regisseurs unterstützen sollte.
Text: Stefan Minder.