Dass Game-Soundtracks seit Jahren nicht mehr nur aus repetitiven Midi-Sounds bestehen, ist inzwischen bekannt. Gestandene Komponisten erschaffen für Game-Konsole-Hits facettenreiche Musik für Orchester, Chor und Solo-Instrumente, die sinfonischer Film- und Programmmusik in nichts mehr nachsteht. Mit der Konzertreihe «Game ON!» – erstmals 2022, gefolgt von weiteren Aufführungen mit neuen Programmen im Jahr 2023 und 2026 – sowie Themenkonzerten wie «Assassin’s Creed – Symphonic Adventure» feiert auch das City Light Symphony Orchestra jeweils mit grossem Chor dieses Musik-Genre im KKL Luzern. Wie hat sich die Videospielemusik von ihren fiependen Anfangstönen hin zum konzertanten Event entwickeln können?
Von den ersten monotonen „Piepstönen“ früher Arcade-Klassiker aus den späten 1970er-Jahren bis hin zur Konzertsaal-Aufführung mit grossem Orchester und Chor vor Publikum erzählt die Geschichte der Videospielmusik eine faszinierende Reise durch technologische Umbrüche und künstlerische Emanzipation. Was einst als rein technische Notlösung begann, um die immensen Hardware-Beschränkungen früher Systeme zu umgehen, hat sich zu einer eigenständigen, Grammy-prämierten Kunstform entwickelt, die heute weltweit auch viel Publikum in den renommiertesten Konzerthäusern begeistert.
Ein “Bip” durchdringt die Stille
Wer vor den 1970er-Jahren spielen wollte, musste in die Spielhalle pilgern – Heim-Konsolen oder private PCs mit Musik in CD-Qualität waren Zukunftsmusik. Die Spielautomaten in der Spielhalle gaben zwar teilweise Töne von sich, taten dies aber oftmals nur zwischen zwei Spielen, um den nächsten Kunden anzulocken. Und selbst dieser Musikeinsatz war aus technischen Gründen begrenzt möglich.
1972 eroberten die ersten Videospielkonsolen das Wohnzimmer. Doch die Spiele auf diesen Konsolen der ersten Generation waren komplett stumm. Dies änderte sich mit «Pong», einem Tischtennis-ähnlichen Spiel, in welchem ein Punkt (Ball) hin und her springt und die Spieler diesen mit einem Schläger zurückschlagen müssen. Das Spiel führte einfache Bip-Geräusche ein, die erzeugt wurden, wenn der Ball auf den Schläger oder die Begrenzung traf. Mehr war es nicht – und doch war damit der erste inzwischen ikonische Videospiel-Sound geboren.

Die ersten Melodien
Ende der 1970er-Jahre begann Musik das Spielerlebnis aktiv zu formen. Das Spiel «Space Invaders» nutzte eine kontinuierliche, aus vier Tönen bestehende Basslinie, die im Spielverlauf immer schneller wurde. Diese Umsetzung etablierte das Prinzip, dass Musik funktional und dynamisch sein kann, indem sie die Spannung erhöht und den Herzschlag des Spielers direkt beeinflusst.
Zwei Jahre später wurde im Game «Rally-X» (1980) die erste kontinuierliche, melodische Hintergrundmusik eingeführt, die während des gesamten Spielverlaufes in einer Endlosschleife lief. Die Musik wurde so zu einem dauerhaften Begleiter des Gameplays.

Konzerttipp

«Game ON!» – Symphonic Game Music in Concert
City Light Symphony Orchestra
Chor Incantata
Kevin Griffiths · Dirigent
Freitag, 8. Mai 2026 | 19:30 Uhr
KKL Luzern · Konzertsaal

Die Einführung von Soundchips
Ein Grund, warum Töne oder gar Musik selten in Spiele eingebunden wurden, war die technische Begrenzung. Die zur Verfügung stehende Rechenleistung wurde viel lieber zur Verbesserung der Grafik genutzt, als dass man sie für den Sound-Einsatz „verschwenden” wollte. Viele Entwickler verzichteten deshalb ganz auf Musik. Der „Sound Interface Chip” in der Konsole Commodore 64 (1982) brachte dafür eine Lösung: Ein separater Chip für den Ton, der drei Kanäle mit verschiedenen Wellenformen und Filtern ermöglichte. Dies markierte den Beginn der sogenannten „Chiptune“-Ära. Komponisten mussten nun programmieren lernen, um komplexe Synthesizer-Sounds aus der Hardware zu kitzeln. Die technischen Beschränkungen wurden zum kreativen Motor eines neuen Genres – und prägten einen Stil, dem schon bald Kultstatus zukam.


Ein Klempner setzt den Standard
Ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte der Videospielmusik war die Einführung des Nintendo Entertainment Systems (NES), das 1983 in Japan (als Famicom) und 1985 in den USA erschien. Es bot weitaus fortschrittlichere Sound-Chips und etablierte viele Konventionen für die heutige Videospielmusik.
Als 1985 das Spiel «Super Mario Bros.» auf der NES veröffentlicht wurde, setzte es einen neuen Standard für professionelle Kompositionen in Videospielen. Der Komponist Koji Kondo komponierte für den italienischen Klempner mit der Knubbelnase ikonische Themen, die sich je nach Umgebung (Oberwelt, Unterwasser, Schloss) voneinander unterschieden. Diese Umsetzung war bis dahin einzigartig und er schuf damit Melodien, die bis heute fest in der Popkultur verankert sind.
Kondo prägte auch andere Nintendo-Meilensteine. Für «The Legend of Zelda» (1986) schuf er mit dem „Overworld Theme“ eine Musik, die trotz unzähliger Wiederholungen motivierend bleibt – ein Paradebeispiel dafür, wie stark ein gut gesetztes Thema den Entdeckergeist im Spiel befeuern kann.
Erste Konzerte und interaktive Musik
Im Jahr 1986 erschien das Spiel «Dragon Quest», für welches der Komponist Koichi Sugiyama zum ersten Mal in einem Videospiel einen klassisch-symphonischen Stil einbrachte und damit grosse Erfolge feierte. Denn 1987 fand in Tokyo das weltweit erste Videospielmusik-Konzert mit einem Live-Orchester statt, das Sugiyamas Musik aufführte.
Parallel dazu entwickelte sich die Musik im Spiel selbst weiter: Ein Höhepunkt war die Einführung des sogenannten iMuse-Systems (Interactive Music Streaming Engine). Dieses ermöglichte nahtlose, interaktive Übergänge zwischen Musikstücken, basierend auf den Aktionen des Spielers. Somit konnte die Musik wie in einem Film dynamisch auf das Geschehen reagieren, ohne dass die spielende Person die Schnitte bemerkte. Die Technik wurde mit dem Spiel «Monkey Island 2: LeChuck’s Revenge» weltberühmt.


CD-ROM: Die Speicher-Revolution
Eine wahre Klangrevolution ereignete sich Mitte der 1990er-Jahre mit der Einführung der CD-ROM und den neuen Spielkonsolen, welche diese anstatt der bisher bekannten “Cartridges” als Medium für die Spiele nutzten (z.B. die Sony PlayStation). Die massive Speicherkapazität einer CD-ROM ermöglichte es, vorgängig aufgezeichnete Musik in CD-Qualität zu hinterlegen, also auch echte Aufnahmen von Instrumenten und Gesang.
Damit verschwammen die Grenzen zwischen Film- und Game-Soundtrack zunehmend. Was vorher aus wenigen synthetischen Stimmen bestehen musste, konnte nun als voll produzierter Score erklingen.

Die letzte Fantasie: Das Orchester
Zu den wichtigsten Wegbereitern dieser Entwicklung zählt der japanische Komponist Nobuo Uematsu. Im Jahr 1997 erschien das Spiel «Final Fantasy VII», zu dem er einmal mehr die Musik komponiert hatte. Doch dieses Mal war etwas anders. Zum ersten Mal schuf ein Komponist eine grosse orchestrale Musik, welche die emotionale Tiefe und epische Tragweite von Rollenspielen auf ein filmreifes Niveau hob. Obwohl der Score noch mit Synthesizern und Samples produziert wurde, dachte Uematsu in entsprechend grossen orchestralen Klangbildern – und traf damit den Nerv einer ganzen Spielergeneration.

Den eigentlichen Durchbruch der echten Orchesteraufnahmen im Gaming-Bereich brachte 1997 das PlayStation-Spiel zu «The Lost World: Jurassic Park» (siehe auch „Er nahm Kinofilme auf Audio-Kassette auf – Michael Giacchino im Portrait“). Der Komponist Michael Giacchino wurde damit beauftragt, die Musik für das Game zu komponieren. Als er Steven Spielberg, dem Produzenten des Spiels, die Musik vorspielte, wollte dieser, dass die Musik zwingend mit einem Orchester eingespielt wird. Giacchino erinnert sich: „Die Produzenten des Spiels hatten das nicht geplant, aber als Spielberg es erwähnte, sagten alle: Ja, natürlich.“ Noch nie zuvor war die Musik für ein Videospiel von einem Orchester eingespielt worden. Für Michael Giacchino folgten weitere Kompositionsaufträge von Game-Soundtracks, wie die «Medal of Honor»-Reihe oder «Secret Weapons over Normandy», welche für viele immer noch als einige der besten Videospiel-Soundtracks gelten.
Ein Standard, der bleibt
Die Aufnahme von Videospielmusik mit Live-Orchester wurde für viele der grossen Spiele zu einem Standard, welcher bis heute Bestand hat. Aber auch elektronisch generierte Musik bleibt ein grosser und wichtiger Bestandteil von Videospielen. Wie auch in der Filmmusik wird passend zum Game die Stilistik und der Charakter der Musik gewählt. Dank der modernen Technik scheinen die Möglichkeiten nahezu grenzenlos.
Der künstlerische Anspruch steht der Filmmusik längst in nichts mehr nach. Neben Game-Komponisten wie Austin Wintory («Journey»), Greg Edmonson («Uncharted»-Reihe), Gareth Coker («Ori and the Blind Forest») oder Jesper Kyd («Hitman»- und «Assassin’s Creed»-Reihe) gibt es mittlerweile eine leidenschaftliche, internationale Fangemeinde, die diese Musik bewusst hört – auf Tonträgern, im Stream und im Konzertsaal.


Wenn Filmmusik-Grössen «Game ON!» sagen
Auch gestandene Grössen aus der Filmmusik-Branche wechseln regelmässig das Medium und komponieren auch für Videospiele. Bekannte Namen wie Hans Zimmer («Call of Duty: Modern Warfare 2»), Harry Gregson-Williams («Metal Gear Solid 4: Guns Of The Patriots»), Brian Tyler («Assassin’s Creed IV: Black Flag»), Howard Shore («The Soul of the Ultimate Nation») und Bear McCreary («God of War») bringen ihre kompositorische Handschrift in die interaktive Welt ein – und zeigen, wie fliessend die Übergänge zwischen Leinwand und Konsole geworden sind.
Ein weiterer Meilenstein: 2011 gewann der Komponist Christopher Tin mit dem Stück “Baba Yetu” aus dem Spiel «Civilization IV» als erster Videospielkomponist überhaupt einen Grammy Award.


Vom Spiel auf die Bühne
Was 1987 für die Musik von Koichi Sugiyama ein Novum war, ist heute Teil des weltweiten Konzertbetriebs: Videospielmusik wird regelmässig auf den grössten Bühnen der Welt live mit Orchester aufgeführt und frenetisch gefeiert. Und das auch im KKL Luzern, wo die Konzertreihe «Game ON! – Symphonic Game Music in Concert» einen festen Platz in der Konzertsaison des City Light Concerts hat und damit regelmässig das Publikum begeistert.
Der Enthusiasmus, mit dem diese Konzerte von den Fans gefeiert wird, macht deutlich, welchen Stellenwert Videospielmusik inzwischen hat. Sie hat sich von der technischen Randerscheinung zur eigenständigen Kunstform entwickelt, die nicht nur Games prägt, sondern auch in den Konzertsälen der Welt zu Hause ist – zwischen Filmmusik, Klassik und Popkultur.
Text: Stefan Minder