“Es fühlte sich für mich an, als hätte ich kein Recht, dort zu sitzen.”
Michael Giacchino, Komponist

Michael Giacchino hatte als Kind nie vor, Filmkomponist zu werden. Trotzdem gehört er heute zu den prägenden Stimmen der modernen Filmmusik: Vom Pixar-Meisterwerk «Up» (2009) über «The Incredibles» (2004) und «Ratatouille» (2007) bis hin zu Blockbustern wie «Star Trek» (2009 – 2016), «Jurassic World» (2015) und seinen zahlreichen Beiträgen zu den Filmen des Marvel Cinematic Universe – darunter «Doctor Strange» (2016) und «Thor: Love & Thunder» (2022) – hat er den modernen Sound grosser Kinowelten massgeblich mitgeformt.
Für seine Musik zum Pixar-Trickfilm «Up» wurde Giacchino 2010 mit dem Oscar ausgezeichnet. Dazu gesellen sich unzählige weitere Auszeichnungen, die seinen Status als einen der vielseitigsten und zurzeit meistgefragten Komponisten Hollywoods eindrucksvoll unterstreichen.
Ein Junge mit genauen Vorstellungen
Als er klein war, drehte Giacchino pausenlos Filme. Er erinnert sich: „Wenn man mich als Kind gefragt hätte, was ich später mal machen will, dann hätte ich gesagt, ich will Modelle bauen und diese für Filme in die Luft sprengen. Ich dachte, ich würde in einer Special-Effects-Abteilung arbeiten.“
Für die Filmmusik interessierte er sich ebenfalls schon früh, wenn auch unbewusst. Als kleiner Junge sah er sich Filme wie «Star Wars: Episode V – The Empire Strikes Back» (1980) oder «Raiders of the Lost Ark» (1981) im Kino an und nahm dabei den ganzen Film auf Audio-Kassette auf. Abends lag er im Bett und hörte sich die Aufnahme nochmals unter der Bettdecke an. „Ich habe das wirklich jede Nacht gemacht und erst später realisiert, dass ich dabei gelernt habe, wie Musik im Film funktioniert.“

Von New York nach Los Angeles

Giacchinos künstlerische Laufbahn begann an der School of Visual Arts in New York City, wo er Filmkunst studierte. Zwischendurch besuchte er einige Stunden Musikunterricht an der renommierten Juilliard School, einem weltberühmten Konservatorium, fühlte sich dort aber nicht wohl. „Dort geht es um Entdeckungen, Atonalität und das Erforschen neuer Texturen und Klänge. Ich dachte mir: Ich will einfach nur eine Melodie schreiben.“
Nach seinem Abschluss an der School of Visual Arts zog er nach Los Angeles und trat eine Stelle in der Marketing-Abteilung bei Disney an. Gleichzeitig studierte er abends Musikkomposition und Orchestrierung an der UCLA, der Universität von Kalifornien. Da kam ihm zum ersten Mal der Gedanke, dass er Filmmusik schreiben könnte.
„Ich will einfach nur eine Melodie schreiben.“
Michael Giacchino, Komponist
Videospiele als Türöffner
Eines Tages wurde eine Stelle als Assistant Producer von Videospielen frei. Giacchino wusste, dass die Produzenten auch dafür verantwortlich waren, die Komponisten der Videospiele-Musik einzustellen, und dachte sich, wenn er Produzent wäre, könnte er sich selbst für einen solchen Job positionieren. Er bekam den Produzenten-Job und es folgte eines dem anderen gemäss Plan.
Sein Durchbruch kam mit dem PlayStation-Spiel zum Film «The Lost World: Jurassic Park» im Jahr 1997. Steven Spielberg hörte seine Musik und war begeistert. Er wollte, dass die Musik zwingend mit einem Orchester eingespielt wird. Giacchino erinnert sich: „Die Produzenten des Spiels hatten das nicht geplant, aber als Spielberg es erwähnte, sagten alle: Ja, natürlich. Da hat sich alles für mich geändert. “ Noch nie zuvor war die Musik für ein Videospiel von einem Orchester eingespielt worden.
Giacchino schrieb anschliessend die Musik zu weiteren Videospielen, die von Spielberg produziert wurden, darunter die «Medal of Honor»-Reihe (1999–2004), und gewann dafür nicht nur verschiedene Preise, sondern auch die Aufmerksamkeit der Fans.


Vergangene Konzerte mit Musik von Michael Giacchino

Spider-Man™: No Way Home – in Concert
City Light Symphony Orchestra
Kevin Griffiths · Leitung
Samstag, 21. März 2026 | 19:30 Uhr
Sonntag, 22. März 2026 | 17:30 Uhr
KKL Luzern · Konzertsaal
Der Schritt in die Fernsehwelt
Sein Plan war, Musik für das Fernsehen zu schreiben und danach Kinofilme zu vertonen, aber niemand wollte ihn engagieren. „Ich habe gefühlt eine Million Gespräche geführt, und alle haben sie mir gesagt, Fernsehen sei nicht das gleiche wie Videospiele.“
Doch eines Tages rief ihn ein gewisser J.J. Abrams an und fragte Giacchino, ob er die Musik zu seiner neuen Serie «Lost» schreiben würde. „Ich dachte zuerst, da spielt mir jemand einen Streich.“ Aber das Interesse war echt und so machte sich Giacchino im Fernsehen einen Namen mit innovativer und vielfältiger Musik zu den von J.J. Abrams produzierten Serien «Alias» (2001–2006) und «Lost» (2004–2010), wobei letzteres ein wahres TV-Serien-Phänomen wurde, dessen Musik seit 2019 gar mit «The LOST Concert» als abendfüllendes Konzertprogramm verfügbar ist.
Der Übergang zum Kinofilm stellte sich dann aber als ebenso schwierig heraus, trotz beachtlicher erster Erfolge im Vertonen von TV-Produktionen. „Niemand dachte, dass ich das kann. Alle haben mir gesagt, dass Filme nochmals etwas ganz anderes seien als das Fernsehen.“ Doch seine Chance sollte bereits im Jahr 2004 folgen.
Ein unglaubliches Engagement
Disney hatte für den Pixar-Animationsfilm «The Incredibles» aus dem Jahr 2004 den legendären James-Bond-Komponisten John Barry engagiert und hatte gehofft, dass er seinen ikonischen Bond-Sound in den Agenten-Film einbringt. Barry wollte dies aber nicht und verliess das Projekt, nachdem er bereits einen Grossteil der Musik geschrieben haben soll. Es musste zeitnah ein neuer Komponist übernehmen.
Da «Alias» ebenfalls von Disney produziert wurde, schlug jemand schliesslich den jungen Michael Giacchino vor. Regisseur Brad Bird war begeistert von Giacchinos Arbeit und von ihm selbst und beauftragte ihn schliesslich, die Musik zu «The Incredibles» zu schreiben. Giacchino erinnert sich: „Ich dachte die ganze Zeit, man würde mich feuern. Es fühlte sich für mich an, als hätte ich kein Recht, dort zu sitzen und einen Pixar-Film zu vertonen, nachdem Filmmusik-Legenden wie Randy Newman und Thomas Newman Musik zu deren bisherigen Filme komponiert hatten.“
„Ich dachte die ganze Zeit, man würde mich feuern.“
Michael Giacchino, Komponist


Mit diesem Film schaffte Giacchino den Sprung in die Welt der Kinofilme. Für J.J. Abrams durfte er 2006 und 2011 nicht nur zwei «Mission: impossible»-Filme bereichern, sondern auch dem von Steven Spielberg produzierten Alien-Film «Super 8» (2011) ein filmmusikalisches 1980er-Jahre-Flair geben. Zudem folgte nach der «Mission: Impossible»-Franchise sogleich eine weitere ikonische Filmreihe: die neue Iteration von «Star Trek» ab dem Jahr 2009, wobei Giacchino dieser Franchise bis 2016 treu blieb.
Nebenbei schrieb er fleissig weiter Musik für Pixar und erhielt für seine mitreissende und herzerwärmende Musik zum Film «Ratatouille» (2007) eine Oscar-Nomination und zwei Jahre später gewann er diese prestigeträchtige Auszeichnung für den Pixar-Film «Up» sogar.
Ein Comic-Fan wird «Spider-Man»-Komponist
Giacchino war schon immer ein grosser Comic-Fan und schaute sich alle Comic-Verfilmungen an. Nach einer Erstsichtung des Marvel-Films «Captain America: Civil War», in dem die von Tom Holland gespielte Version von Spider-Man zum ersten Mal auftrat, wandte er sich spontan an Marvel und bekundete offiziell sein Interesse, die Musik für den geplanten neuen «Spider-Man»-Film zu schreiben.
Marvel-Präsident Kevin Feige, der Giacchinos Arbeit für Pixar, die «Star Trek»-Filme und andere Blockbuster sehr schätzte, sah in ihm den passenden Komponisten, um einen jugendlicheren, beschwingteren Ton für den neuen Spidey zu finden. So entstand die Zusammenarbeit mit Marvel für den Film «Spider-Man: Homecoming», aus welcher sich nicht nur zwei weitere «Spider-Man»-Filme ergaben – ein dritter soll 2026 folgen –, sondern auch andere Marvel-Filme wie «Doctor Strange» (2016) oder jüngst «The Fantastic Four: First Steps» (2025). (siehe auch “Ein Netz an Herausforderungen – Die Musik zu «Spider-Man™: No Way Home»“)
Wo der Weg hinführt
Giacchino stellt nicht nur in der Filmmusik seine Vielseitigkeit und Professionalität unter Beweis. Im Jahr 2022 drehte er für Marvel mit «Werewolf by Night» seinen ersten Kurz-Film als Regisseur und zeigte dabei gekonnt, dass er auch mit Bildmaterial und Schauspieler umgehen kann.
Das Komponieren von Filmmusik will er indes nicht lassen. Ende 2025 war er der Komponist eines weiteren animierten Blockbusters – Disney Animations’ «Zootopia 2» (2025) – der zum weltweit finanziell zweiterfolgreichsten Trickfilm aller Zeiten aufgestiegen ist (gleich hinter dem chinesischen Animationsfilm «Ne Zha 2», ebenfalls aus dem Jahre 2025).
In Planung sind u.a. weitere Filme für den Regisseur Taika Waititi, mit dem er schon für den Marvel-Film «Thor: Love & Thunder» (2022), die Zweit-Weltkrieg-Satire «Jo Jo Rabbit» (2019) und die Fussball-Komödie «Next Goal Wins» (2023) zusammengearbeitet hat. Zudem soll Giacchino 2026 den vierten Spidey-Film mit Tom Holland in der Titelrolle vertonen , «Spider-Man: Brand New Day».
Text: Stefan Minder