Es begann mit einem kryptischen Brief – die Musik zu «Interstellar»

Als der Filmkomponist Hans Zimmer in einem Interview gefragt wurde, welche seiner Filmmusikarbeiten sein Favorit sei, war seine Antwort überraschend. Er nannte nämlich nicht eine seiner beiden Oscar-Gewinner «The Lion King» (1994) oder «Dune» (2021). Auch nicht einen Klassiker wie «Gladiator» (2000) oder «The Dark Knight» (2008). Nein, seine Antwort war: «Interstellar».

In der modernen Filmmusikgeschichte nimmt der Soundtrack zu «Interstellar» eine Sonderstellung ein, die weit über die blosse Untermalung eines Science-Fiction-Films hinausgeht. Hans Zimmers Musik hat sich zu einem eigenständigen kulturellen Phänomen entwickelt. Doch wie kam es zu dieser unvergleichlichen Musik, die der Regisseur Christopher Nolan als „Herz des Films“ bezeichnet?

Christopher Nolan & Hans Zimmer

Eine kryptische Bitte

Alles begann mit einem Brief. Der Regisseur Christopher Nolan, mit dem Hans Zimmer bereits an den «Dark Knight»-Filmen und «Inception» (2010) zusammengearbeitet hatte, wandte sich um 2012, etwa zwei Jahre vor der Veröffentlichung von «Interstellar», an Zimmer mit einer einfachen, aber kryptischen Bitte: Er fragte ihn, ob dieser bereit wäre, einen Tag lang Musik zu schreiben, basierend auf einer einzigen Seite Text, ohne zu wissen, worum es in dem Film geht. Zimmer: „Chris sagte zu mir: ‚Wenn ich dir eine Seite schreiben würde, würdest du mir einen Tag schenken und einfach schreiben, was immer dir in den Sinn kommt?‘“

Der emotionale Kern des Films

Nolan schickte Zimmer daraufhin einen Umschlag mit einem Brief, der auf einer Schreibmaschine und auf dickem Papier verfasst war. Der Inhalt war kein Drehbuch-Auszug, sondern eine Art Fabel über die Beziehung zwischen einem Vater und seinem Sohn (im Film wurde daraus später eine Tochter). Zimmer: „Chris kennt mich gut genug, um meine Knöpfe zu drücken, und es war genug in dem Brief, um damit zu arbeiten. “

Zimmer verbrachte eine Nacht damit, ein etwa vierminütiges Stück für Klavier zu schreiben. Er bezog sich dabei auf seine eigenen Gefühle als Vater und dachte beim Komponieren an seinen Sohn. „Ich habe wirklich nur davon komponiert, was es für mich bedeutet, ein Vater zu sein.“

Als Zimmer das Stück Nolan vorspielte, war die Reaktion des Regisseurs sogleich positiv. Auf die Frage „Was denkst du?“ von Zimmer war Nolans ikonische Antwort: „Ich schätze, ich sollte den Film jetzt besser machen.“ Erst zu diesem Zeitpunkt erfuhr Zimmer von der monumentalen Dimension des Films. Er war überrascht, da er nur ein „winzig kleines Ding“ geschrieben hatte, während Nolan nun von einer riesigen Reise durch Raum, Philosophie und Wissenschaft sprach. Nolans Antwort: „Ja, aber ich weiss jetzt, wo das Herz der Geschichte liegt.“

Dieses erste, von Zimmer über Nacht komponierte, Musikstück – er betitelt es mit Day One – wurde schliesslich zum Hauptthema des Films. Nolan hörte es sich während des gesamten Schreib- und Produktionsprozesses oft in Dauerschleife an und stellte so sicher, dass der emotionale Kern des Werks immer vorhanden blieb.

Unser Konzert-Tipp

Key Visual für das Konzert Interstellar Live

Interstellar – Live

City Light Symphony Orchestra
Roger Sayer · Orgel
Matt Dunkley · Leitung

Dienstag, 29. Dezember 2026 | 19:30 Uhr
KKL Luzern · Konzertsaal


Orgelspieler Roger Sayer

Eine Orgel für das Weltall

Hans Zimmers Musik zu Christopher Nolans Filmen vor «Interstellar» prägten jahrelang einen Sound, der sich wie ein Virus in der Filmmusik-Welt verbreitete. Das in «Inception» eingesetzte “Braaahm”, wie es im Allgemeinen genannt wird, (ein extrem lauter, tiefer, explosiver Akkord aus Bläsern, Klavierresonanz und Elektronik) wird bis heute regelmässig in der Filmmusik anderer Filme imitiert. Zimmer und Nolan wollten für «Interstellar» deshalb bewusst neue Wege gehen.

Nolan war derjenige, der schliesslich die Orgel vorschlug. Er sagte zu Zimmer: „Weisst du, wir haben es noch nie mit einer Pfeifenorgel versucht.“ Zimmers erste Reaktion war Gelächter, da er die Orgel eher mit Horrorfilmen zu Kino-Ikonen wie Dracula oder Frankenstein assoziierte. Doch je mehr er darüber nachdachte, desto mehr erkannte er das Potenzial und die Symbolik des Instruments und baute es in seine Musik ein.

Orgelaufnahmen: ein experimenteller Prozess

Eine Orgel benötigt Luft, um Töne zu erzeugen, und hat deshalb eine „atmende“, menschliche Qualität. Zimmer wollte damit die menschliche Präsenz im riesigen, kalten Weltraum betonen. Er betrachtete die Orgel ausserdem, nicht zu Unrecht, als einen „riesigen, komplizierten Synthesizer“. Zudem bemerkte er eine visuelle Parallele: Die grossen 32- oder 64-Fuss-Pfeifen ähneln den Raketen der Raumfahrt. Nolan sah in der Orgel ein Symbol für das Streben der Menschheit nach Höherem.

Hans Zimmer fragte beim virtuosen Orgelspieler Roger Sayer an, der einem Engagement enthusiastisch zusagte. Die Aufnahmen wurden in der historischen Temple Church in London gemacht und glichen einem experimentellen und entdeckungsreichen Prozess. Roger Sayer erinnert sich: „Hans [Zimmer] fragte mich ‚Was hast du für mich?‘, worauf ich ihm verschiedene Optionen und Registrierungen der Orgel anbot.” Zimmer gab danach Rückmeldung und Anweisungen, bis die Orgel so klang, wie er sich das vorgestellt hatte. Laut Sayer wurde Zimmer während der Aufnahmen immer „abenteuerlustiger“, je mehr er begriff, wozu die Orgel der Temple Church fähig war.

Eine minimalistische Partitur für die Unsicherheit

Mit der Orgel als Herzstück schrieb Zimmer eine minimalistische Partitur und nutzte absichtlich monochromatische Harmonien (wenige Akkordwechsel). Oft werden nur drei Akkorde eingesetzt. Zimmer wollte damit das Publikum hypnotisieren und ein Gefühl von Panik und Unsicherheit erzeugen.

In der Szene auf Millers Planet wird das Ticken einer Uhr imitiert, um die verstreichende Zeit physisch spürbar zu machen. Die Streicher klopften hierfür während den Aufnahmen mit Bleistiften auf ihre Instrumente; mit exakt 60 Schlägen pro Minute.

Die Einbindung der Orgel war ein Geniestreich, der die Musik für einen Science-Fiction-Film einzigartig machte und dabei half, die Filmmusik von herkömmlichen Weltraum-Epen abzuheben.

Ein weitreichender Einfluss

Die Musik zu «Interstellar» hat sich weit über den Kinosaal hinaus zu einem globalen kulturellen Phänomen entwickelt. Ihr Einfluss zeigt sich heute in der Popkultur, den sozialen Medien und der Live-Musikszene. Auf Plattformen wie TikTok und Instagram ist der Soundtrack zu einem Standardwerkzeug geworden, um Videos sofortige emotionale Tiefe und Gravitas zu verleihen.

Die Musik wird von zahlreichen Orchestern live aufgeführt, sei es in Form von arrangierten Suiten, als eigene Interpretationen oder als integrales “Live”-Erlebnis, bei welchem die Musik live zum Film gespielt wird. Die Orchester füllen damit Konzertsäle und erhalten stehenden Applaus. Die «Interstellar»-Suite ist ausserdem ein absoluter Fan-Favorite bei der “Hans Zimmer Live”-Tour, mit welcher Zimmer seit 2016 regelmässig um die Welt reist.

Die Filmmusik zu «Interstellar» hat etwas geschafft, was unvergleichlich ist und mit der Welt resoniert: eine musikalische Sprache für universelle menschliche Gefühle wie Sehnsucht, Hoffnung und die Verbindung über grosse Distanzen hinweg. Und dies für einen epischen Science-Fiction-Film.

Text: Stefan Minder

Konzert-Kalender

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